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 Die Erdfälle bei Pyrmont

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Beschreibungstext

Tafelüberschrift: Verm. Gegenstaende. CCCXXIII. Melanges. CCCXXIII.


Diese, in der Volkssprache der dortigen Gegend Meere genannten Erdfälle, welche zwar nicht zu den erhabensten Naturseltenheiten dieser Art gehören, aber doch für alle jene berühmten Heilquellen Besuchenden sehr sehenswerth, und selbst in geognostischer Beziehung merkwürdig sind, bestehen in 3 fast trichterförmigen, unten mit Wasser angefüllten Vertiefungen, welche sich westlich, eine halbe Stunde von Pyrmont an dem Abhänge eines Berges befinden, der sich nördlich hinter dem Dorfe Holzhausen erhebt.
Ueber die Zeit der Entstehung der beiden grössern dieser Erdfälle ist nichts bekannt. Nur von dem dritten kleinern sagt man, dass er im Jahre 1645 plötzlich, und mit starkem Getöse entstanden sey. Der sogenannte Meergrund, eine sie umgebende muldenförmige Vertiefung am Rande des benachbarten Waldes, giebt der umliegenden Gegend einen rauhen Character, und die ungewöhnliche Form des Abhanges könnte leicht vermuthen lassen, dass mit der Entstehung dieser Erdfälle sich zugleich ihre Umgebung gesenkt hätte, wenn die aufgeschlossenen Felsen des grössten Erdfalles, durch Spalten u.s.w., eine Verrückung wahrnehmen liessen. Da diess aber der Fall nicht ist, so ist bei der spätern Entstehung dieser Erdfälle ihre Umgebung offenbar unverändert geblieben.
Das Gestein, in dem sie sich befinden, ist der bunte Mergel, ein Glied der grossen Formation des bunten Sandsteines. In dem Wasser dieser Erdfalle leben Fische und vegetiren viele Wasserpflanzen; da es jedoch nicht stagnirt und doch auch keinen sichtbaren Abfluss hat, so muss es ohne Zweifel unterirdische Canäle haben, die es ableiten und nahe oder entfernt zu Tage fördern. Der mittlere Erdfall liegt niedriger und hat auch weniger Umfang und Höhe des Ufers, aber eine bedeutend stärkere Wassersäule, auch findet hier ein sichtbarer periodischer Abfluss des Wassers in die unten gelegenen Wiesen Statt.
Der untere Erdfall ist der kleinste und von dem mittlern bloss durch eine schmale Erdenge getrennt, welche bei höherem Wasstande eine Vereinigung des Wassers beider zulässt. Der von jeher bemerkte periodische Abfluss des Wassers im mittlern Erdfalle lässt eine Verbindung desselben mit andern verborgenen Wasserbehältern vermuthen. Nach den Beobachtungen der dortigen Landleute, welche aus jenem Phänomen Fruchtbarkeit oder Misswachs prophezeihen, erfolgt dieser Ausfluss zu keiner bestimmten Jahreszeit, und werden auch die Zuflüsse dieser Erdfälle durch eine anhaltend trockene Witterung verringert.
Mit dem mittleren Erdfall ereignete sich im Oct. 1820 folgende merkwürdige Begebenheit. Von seinem Ufer rissen sich in einer stürmischen Nacht mit einem donnerähnlichen Getöse mehrere tausend Fuder Erde los, die in den Grund versanken. Ein in der Nähe mit seiner Heerde übernachtender Schäfer erzählte, dass er auch ein unterirdisches Geräusch und eine Erschütterung des Erdbodens bemerkt habe. Am folgenden Morgen sah man noch grosse Massen von Mergel und Erde nachstürzen, der Erdfall war jetzt fast völlig wasserleer und ein schwefeliger Sumpfgeruch stieg aus ihm empor. In den beiden andern Erdfällen blieb dagegen der Wasserstand ganz unverändert. Den folgenden Tag stieg aber das Wasser wieder, und am sechsten Tage bis zu einer solchen Höhe, dass es mehrere Tage in einem starken Bache über das Ufer herabströmte. Der unterste Erdfall blieb jetzt nur noch durch einen schmalen Abschnitt von demselben getrennt.
Offenbar stürzten nun jene Erdschichten nicht bloss durch Nässe oder ihre eigene Schwere ein, indem sonst die Tiefe des Erdfalls bedeutend abgenommen haben und das Wasser über seine Ufer getreten seyn müsste. Da aber im Gegentheil die Tiefe nach dem Einsturz dieser grossen Erdmassen noch um 52 Fuss zunahm, so muss unter dem Trichter sich eine neue Höhle durch unterirdische Gewässer und den Druck der Wassersäule gebildet haben, welche den Einsturz der obern lockern Erdrinde bewirkte. Da indess durch diesen neuen Erdfall die Canäle gleichsam verschlammt wurden, so musste das nachher zuströmende Wasser aus seinem Ufer treten und konnte nur erst später wieder einen unterirdischen Abfluss erhalten.
Uebrigens ist der sonst nur periodische schwache Ausfluss des mittlern Erdfalls jetzt dauernd geworden, indem der Besitzer der benachbarten Holzhäuser Mühle im Sommer 1824 einen Canal von demselben nach seiner Mühle angelegt hat.


Metadaten

ID Tafel: b0050287berl
Tafelüberschrift: Verm. Gegenstaende. CCCXXIII. Melanges. CCCXXIII.
Sprache: ger, fre
Heft: 219
http://www.bbf.dipf.de/cgi-opac/bil.pl?t direct=x&f IDN=b0050287berl
TafelgehörtzuExemplar: Bertuch-Bilderbuch für Kinder enthaltend eine angenehme Sammlung von Thieren, Pflanzen, Blumen, Früchten, Mineralien, Trachten 1824 11/q0000343berl
Klassifikation von Bertuch: Vermischte Gegenstände. CCCXXIII.
Abmessung: koloriert
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